Nie wieder Kaffee & Co.: Warum ich Bürojobs nicht ausstehen kann

Ich wache von dem künstlichen Ton meines iPhone-Weckers auf und verstaue mein Handy wieder unter meinem Kopfkissen, nachdem ich es lautlos gestellt habe. Nicht einmal die Augen muss ich öffnen, nein, ich kenne die Tastenkombination fürs Lautlosstellen meines Weckers bereits auswendig.

Zufrieden kuschele ich mich erneut in meine warme Decke und freue mich, weitere drei Minuten diesen zuckersüßen Schlaf des frühen Tages genießen zu dürfen. Obwohl ich nach diesem Gedudel nicht mehr ganz so entspannt schlafen kann, fühle ich mich dennoch sehr wohl behütet in meinem samtweichen Bett – bis mein iPhone sich erneut meldet.

„So wake me up when it’s all over“, höre ich Aloe Blacc singen, der Klingelton meines Weckers, und ich erkenne, wie gut dieser Song doch gerade in diese Situation passt. Jeden Morgen lasse ich mir beim Weckerklingeln seinen Songtext durch den Kopf gehen und jeden Morgen nehme ich mir vor, den Klingelton zu ändern, aber lasse es dann schließlich doch sein.

Während ich mich widerwillig auf den scheinbar unglaublich langen Weg ins Badezimmer mache, werfe ich einen hoffnungsvollen Blick nach draußen und bin launischer denn je, nachdem mir klar wird, dass es draußen noch dunkel ist. Dunkelheit ist so eine Sache – ich liebe sie bei Nacht, sie entspannt mich und oft fallen mir die besten Dinge eher nachts ein, aber wenn ich morgens in der Dunkelheit aufstehen muss, ist mein Tag so gut wie gelaufen. Dieses Gefühl, als müsse man mitten in der Nacht aufstehen und zur Arbeit fahren – schrecklich!

Leiden eines Büroangestellten

„All this time I was finding myself and I didn’t know I was lost“ – Aloe singt mir heute aus der Seele und ich werde seine Texte nicht los. Wir versuchen uns alle selbst zu verwirklichen, stehen herrgottnochmal im Dunkeln auf, um unseren beruflichen Verpflichtungen nachzugehen und träumen von der ganz großen Karriere – doch verlieren uns dabei zwischen Papierkram, Computer und Drucker. Ich zumindest empfinde das so, immerhin darf ich mir jetzt wundervolle acht Stunden im Büro gönnen, wo die Beleuchtung genauso grauenvoll auf mich wirkt wie das Licht beim Zahnarzt.

Ich versinke im Meer der Papiere, besser gesagt im Meer des Filterkaffees, und niemand kann mich retten, denn mein Chef möchte, dass ich meine ganze Energie in dieses Meer stecke. Manchmal schafft er es sogar, mich davon zu überzeugen, dass ich das selbst möchte. Das sind die Momente, in denen ich nicht mehr denken kann, weil mich der tägliche Verzehr von Tiefkühlkost oder Mikrowellenessen völlig verrückt macht und ich mich immer mehr nach einem sonnigen Urlaub mit ganz viel gesundem Obst und sportlichen Aktivitäten sehne.

Wie ein Roboter laufe ich zur Bushaltestelle, zielorientiert, oder besser gesagt zielgesteuert, steige emotionslos in den Bus ein, steige nach einer gefühlten Ewigkeit wieder aus, bin im Büro und fange an zu arbeiten. Wie eine Maschine. Im Grunde unterscheidet mich nichts von dem Computer, der vor mir auf dem Schreibtisch sitzt und genauso aktiv ist wie ich. Oder doch – eine Sache unterscheidet uns sehr wohl, eine kleine, aber feine Sache. Im Gegensatz zu ihm stelle ich mir nämlich folgende Frage: Soll das etwa schon alles gewesen sein?

Die Zeit rennt davon

Ich lasse Stift und Papier liegen, widme mich meinen Gedanken über den Sinn dieser Tätigkeit, die ich hier ausübe und versuche diese Gedanken so weit durchzudenken, dass ich eine zufrieden stellende Schlussfolgerung ziehen kann.

Aufstehen, überleben, nach Hause fahren – ist das alles? Heute ist der 16. Januar, wir befinden uns im Jahr 2016, und die Stunden, die ich hier verliere, werde ich nicht wieder zurück bekommen. Diesen Tag wird es nie wieder geben, er ist nicht rückgängig zu machen. Keine zweite Chance. Jede Minute, die verstreicht, wird zur Vergangenheit und ich kriege Panik, dass meine Zukunft aus lauter vergangenen Minuten besteht.

Das Leben muss mehr zu bieten haben als das, denke ich mir. Die Welt ist riesig, es gibt wundervolle Orte, die noch unentdeckt sind, das Meer ist unendlich weit und tief, es leben Milliarden von Menschen hier und die Bevölkerung wächst und wächst.

Wie viele Menschen es wohl gibt, die man kennenlernen kann; wie viele Erfahrungen, die sich lohnen, gemacht zu werden; wie viele Orte, die bereist werden wollen?

Ich blicke zu meinen Kollegen; die meisten haben ihr ganzes Leben in diesem Dorf verbracht, sind hier geboren und aufgewachsen, sie kennen einfach keinen anderen Ort. Sie haben eine Heimat, gehören irgendwo hin. Haben Wurzeln geschlagen. Und ich?

Man könnte mich als heimatlos bezeichnen, befreit von Heimweh und es gibt keine Großstadt, in der ich mich nicht innerhalb kürzester Zeit wohl fühlen könnte. Anpassungsfähigkeit nennen das viele. Und während ich in Gedanken bin und mir die verrücktesten Geschichten ausmale, entwickelt sich in mir der Wunsch, diesen Traum zu verwirklichen. Ich will hier weg.

Ein erfülltes Leben

Die Welt erkunden. Heute Berlin, morgen Dubai, übermorgen Sydney, nächste Woche Singapur. Mich von Menschen und ihren Geschichten begeistern lassen. Mich treiben lassen, in den Wellen der südlichsten Küsten, verschiedene Kulturen und Gesellschaften kennenlernen. Darüber schreiben, wie anders es dort ist, wie unbeschreiblich schön manche Strände mit Palmen und Cocktailbars sind, meine goldbraune Haut unter der Sonne betrachten, glückliche Menschen überall, Lebenslust. Ja, Lebenslust – das ist genau das, was mir im Büro fehlt.

Die Minuten verstreichen und ich beschließe, nicht nur heute, sondern für immer dieses Büro zu verlassen. Der Abschied fällt mir nicht schwer, im Gegenteil, ich fühle mich erleichtert und befreit zugleich, und ich weiß, das viel größere Dinge auf mich warten. Ich werde alles daran setzen, ein erfülltes Leben führen zu können. Mich packt die Abenteuerlust, ich fühle mich frei, so frei wie nie zuvor.

„I can’t tell where the journey will end – but I know where to start“